StartseiteStadt Aulendorf Bad WurzachBad Waldsee
StartseitePartner AOK Allgäu OberschwabenWilhelmsdorfWolfeggLeutkirchWeingartenRavensburg
Wangen im AllgäuIsny im Allgäu
  ...  |  Presse und Medien  |  Kontakt + Impressum
<< ZURÜCK ZUR STARTSEITE

27.07.07 - Substitutionsbehandlung: Drogenabhängige suchen verzweifelt nach Arzt

RAVENSBURG (zfp) – Über einen sprunghaften Anstieg dringender Anfragen von Drogenabhängigen berichten Mitarbeiter des Kontaktladens Ravensburg und der Drogenentzugsstation des Zentrums für Psychiatrie Die Weissenau (ZfP). Nur ein kleiner Teil kann adäquat vermittelt werden, für die meisten fehlen derzeit noch entsprechende Behandlungsmöglichkeiten.

Im Kontaktladen Ravensburg tauchten in den vergangenen Wochen täglich ein bis zwei zum Teil langjährig bekannte Drogenabhängige auf, die keinen Arzt mehr fanden, der ihnen die notwendige Ersatzdroge verschreibt. Als Folge wurden bei diesen Klienten zum Teil starke körperliche und psychische Entzugserscheinungen beobachtet. Der Drang, Heroin zu nehmen, ist in solchen Situationen groß, deshalb auch die Gefahr, wieder in die Beschaffungskriminalität abzurutschen oder eine Überdosis zu erleiden. Die Mitarbeiter standen vermehrt unter Druck, sie versuchten Hilfe anzubieten, durch Gespräche zu unterstützen und wurden vermittelnd an Beratungsstellen, Ärzte und in die Klinik tätig. Dies gestaltete sich schwierig, im Kreisgebiet gibt es derzeit noch zu wenig Substitutionsmöglichkeiten.

Auf der Drogenentzugsstation des ZfP Weissenau wurde registriert, dass sich vermehrt Patienten aus dem Landkreis Ravensburg aufgrund ihrer aktuellen Notlage für eine Entzugsbehandlung anmelden. Häufig handelte es sich hierbei aber um Langzeitabhängige, bei denen eine Entzugsbehandlung nicht angezeigt und wenig erfolg versprechend ist.

Die Hilfe suchenden Patienten waren überwiegend bei einem Arzt außerhalb des Landkreis Ravensburg in Behandlung, welcher sich vor kurzem unerwartet aus der Substitutionsbehandlung zurückgezogen hatte. Sowohl die betroffenen Patienten, als auch die Vertreter des Suchthilfesystems hoffen nun deshalb, dass die geplante Schwerpunktpraxis in der Georgstrasse in Ravensburg baldmöglichst ihren Betrieb aufnehmen kann. Doch diese muss sich erst etablieren und kann nicht von einem Tag auf den anderen alle Hilfe suchenden Patienten gleichzeitig aufnehmen.

Nachgefragt
Leibfarth: Weichen schon vorab stellen
Obwohl im September in Ravensburg eine Substitutionspraxis öffnen soll, hat sich jetzt für drogenabhängige Patienten eine Notlage ergeben, da ein Arzt in der Region sich von dieser Behandlung zurückgezogen hat. Wir fragten nach bei Dr. Markus Leibfarth, dem Leiter der Drogenentzugsstation am Zentrum für Psychiatrie Die Weissenau (ZfP) in Mariatal.
Herr Dr. Leibfarth, derzeit finden viele Drogenabhängige keinen Behandlungsplatz. Löst die geplante Schwerpunktpraxis das Versorgungsproblem?
Aus meiner Sicht wäre die ambulante medizinische Versorgung Drogenabhängiger ohne eine Schwerpunktpraxis in Ravensburg nicht mehr zu gewährleisten. Hier haben die politisch Verantwortlichen mit ihrer Entscheidung für eine  Unterstützung der Schwerpunktpraxis Weitsicht bewiesen, auch wenn wir jetzt durch die aktuelle Entwicklung noch überholt wurden. Wenn die Schwerpunktpraxis wie vorgesehen im September ihren Betrieb aufnimmt, wird das sicher für eine direkte Entlastung sorgen, sie kann aber das Versorgungsproblem nicht auf die Schnelle lösen. Zunächst kann die Praxis nicht auf einmal 100 Patienten aufnehmen sondern muss sich entwickeln, auch um den vielfältigen Qualitätsansprüchen und vom Gesetzgeber vorgegebenen Bedingungen gerecht werden zu können. Aber auch bei einem späteren Vollbetrieb ist die Schwerpunktpraxis angewiesen auf eine gute Kooperation mit den anderen Trägern des Suchthilfesystems und auf ein funktionierendes Netzwerk insbesondere von niedergelassenen Ärzten, die die Versorgung der Patienten auch in der Peripherie des Landkreises übernehmen. Ich sehe mit der Schwerpunktpraxis eine große Chance ein derartiges Netzwerk zu entwickeln.

Wieso versuchen Drogenabhängige, die keine Substitutionsmittel mehr erhalten, nicht einfach von Drogen zu entziehen?
Bei den Personen in Substitution handelt es sich überwiegend um langjährige Abhängige, die schon viele Entzugs- und auch Therapieversuche hinter sich haben. Häufig leiden sie an körperlichen und seelischen Begleiterkrankungen, sind weit davon entfernt, aktuell ein „cleanes“ Leben ohne Drogen führen zu können, sondern benötigen das Ersatzmittel als Unterstützung. Eine Substitutionsbehandlung soll für die entsprechende gesundheitliche und soziale Stabilisierung sorgen, ein Teil der Behandelten kann dann längerfristig nochmals einen Ausstieg wagen. Ein Schnellschuss aus Not hilft hier allerdings in der Regel nicht, auch wenn wir auf der Drogenentzugsstation derzeit vermehrt solche Anfragen haben.

Wo können Drogenabhängige ohne Substitutionsplatz überbrückend bis zu einer eventuellen Aufnahme in der Schwerpunktpraxis Hilfe bekommen?
Ich würde jedem Drogenabhängigen, der eine Aufnahme in ein Substitutionsprogramm wünscht, raten, sich mit der Drogenberatungsstelle schon jetzt in Kontakt zu setzen. Dringende Einzelfälle können unter Umständen noch vermittelt werden, meist sind hier aber lange tägliche Anfahrtswege zu aufnahmefähigen Arztpraxen etwa in Ulm oder im Allgäu in Kauf zu nehmen. Aber auch wenn eine direkte Vermittlung nicht möglich ist, kann in der Beratungsstelle schon vorab einiges geklärt werden. Die Weichen für eine spätere Substitutionsbehandlung können gestellt werden, da der Substitutionsarzt eng mit der Beratungsstelle kooperiert. Insbesondere Patienten mit stationär behandlungsbedürftigen seelischen Erkrankungen oder  Entzugserscheinungen können wir auf der Drogenentzugsstation des ZfP aufnehmen.

Die Fragen stellte Heike Engelhardt (ZfP)
  
((Bildtexte))
Dr. Markus Leibfarth ist Leiter der Drogenentzugsstation Mariatal und als Geschäftsführer der Suchthilfe gGmbH zuständig für den Kontaktladen „die Insel“.

In der Drogenentzugsstation Mariatal und im Kontaktladen registrieren die Mitarbeiter zunehmend Patienten, die zur Zeit ihre Substitutionsbehandlung nicht fortsetzen können.

Fotos: Made Höld, ZfP








Dr. Markus Leibfarth


Drogenentzugsstation Mariatal

© 2002 by Netzwerk Gesundheit im Landkreis Ravensburg, Welfenstraße 2, 88212 Ravensburg